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Im falschen Film

Bei der Kinokette Cinemaxx klagen Mitarbeiter am Standort Hannover über Einschüchterung, Bespitzelung und rüden Umgang. Betriebsräte sprechen von massivem Druck. Einige Fälle beschäftigen inzwischen die Gerichte. Das Management weist die Vorwürfe zurück

Hannover. Für Timo Maler begann der 26. Juni 2009 wie ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Gegen 13.30 Uhr, erzählt der langjährige Service-Mitarbeiter des Cinemaxx-Kinocenters in Hannover, sei er in die obere Etage gegangen, um im Theaterleiter-Büro das Wechselgeld für seine Schicht am Tresen in Empfang zu nehmen. Ein Vorgesetzter habe ihn dabei begleitet. An der Tür angekommen, sei dann das Unbegreifliche passiert. Ohne Vorwarnung habe der Manager gesagt: "Herr Maler braucht manchmal einen auf den Hinterkopf" und ihm im gleichen Augenblick einen Schlag versetzt - was eine Kollegin, die den Vorfall beobachtet hat, in einer eidesstattlichen Erklärung bezeugt. "Ich kann das bis heute nicht fassen", sagt Maler, der nicht wirklich so heißt, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Das "Kopfstück" war für Timo Maler der traurige Höhepunkt seiner Arbeit bei Cinemaxx. Schon vier Jahre zuvor habe der damalige Personalleiter ihm und weiteren langjährigen Mitarbeitern ohne Begründung mitgeteilt, dass sie im Unternehmen nicht mehr erwünscht seien und sich eine neue Stelle suchen sollten, erzählt er. Für Maler war schon damals klar, warum: "Die Theaterleitung wollte mich loswerden, weil ich schon lange dabei war und eine hohe Gehaltsstufe hatte." Er habe sich geweigert, das Unternehmen zu verlassen, und sei daraufhin gemobbt worden. In diesem Sommer, kurz nach dem Schlag seines Vorgesetzten, wurde Maler fristlos entlassen. Nun trifft man sich voraussichtlich vor Gericht, das Verfahren gegen seine Kündigung läuft.

Es herrschen offenbar raue Sitten bei der wirtschaftlich angeschlagenen Kino-Kette. Zwar dürften Schläge wie im Fall Timo Maler vermutlich eine Ausnahme sein. Doch Mitarbeiter und Betriebsräte in Hannover, Göttingen, Bremen und Hamburg berichten, dass Mitarbeiter bespitzelt, Kassierer illegal überwacht, Betriebsräte "massiv erpresst" würden. Es ist eine lange Reihe von Vorwürfen. Zugleich beklagt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, dass in zahlreichen Cinemaxx-Kinos Tarifverträge nicht eingehalten werden.

Cinemaxx bestreitet die Anschuldigungen. Zu Vorkommnissen mit einzelnen Mitarbeitern, also auch zum Fall Maler, will das Management aber keine Kommentare abgeben. Das Unternehmen stehe hinter seinen Mitarbeitern. Sofern es "zu einem vereinzelten Problem" komme, werde dieses "intern" geklärt, teilte Cinemaxx auf Anfrage in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Die Sache ist heikel und trifft das Unternehmen zu ungünstiger Zeit. Denn Cinemaxx steht - wie die Konkurrenz auch - unter wirtschaftlichem Druck. Der Kinobetreiber, der 1998 an die Börse ging, hat in den vergangenen acht Jahren Verluste erwirtschaftet. 2008 verbuchte die AG ein Minus von 5,1 Millionen Euro. Unternehmensgründer und Großaktionär Hans-Joachim Flebbe zog sich im vergangenen Jahr aus dem Vorstand zurück, der bisherige Finanzvorstand Christian Gisy übernahm den Chefposten. Seitdem fährt die Kinokette, deren Mehrheitsaktionär Herbert Kloiber 69 Prozent der Aktien hält, einen harten Sanierungskurs. Mit Erfolg: Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurde erstmals wieder ein kleiner Gewinn erwirtschaftet. "Ausschlaggebend für den Umschwung waren in erster Linie die Trennung von defizitären Filmtheatern sowie neu verhandelte Mieten", sagt Cinemaxx-Chef Christian Gisy.

Was Gisy nicht erzählt: Der Kampf um eine Verringerung der Kosten wird oft auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen - nicht nur in seinem Unternehmen. Zwar gibt es bei Cinemaxx seit dem vergangenen Jahr wieder einen Tarifvertrag, dieser werde jedoch in einigen Kinocentern nicht eingehalten, berichtet Thomas Winzberg, Verdi-Bundesvorstand Medien. So hätten beispielsweise im Cinemaxx-Theater in Heilbronn rund 60 Prozent der Beschäftigten nur einen befristeten Vertrag, laut Tarifvertrag dürften es aber maximal 23 Prozent sein. Bei Cinemaxx heißt es dazu, dass in diesem Jahr an vielen Standorten zusätzliche Mitarbeiter eingestellt wurden - mit der üblichen "Erstbefristung", "auch zu Lasten einer festgelegten Befristungsquote", sagt ein Unternehmenssprecher.

Cinemaxx ist nicht alleine. Branchenprimus Cinestar, berichtet Gewerkschafter Winzberg, zahle "an einzelnen Standorten in Ostdeutschland gerade mal 4,20 Euro pro Stunde". Auch Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Urlaub sei in ostdeutschen Cinestar-Kinos ohne Betriebsrat die Ausnahme. Der Lübecker Kinokette sind die Vorwürfe zu pauschal. Ein Stundenlohn von 4,20 Euro würde nur in einigen Fällen an ungelernte, geringfügig Beschäftigte gezahlt, meist Schüler und Studenten. Und dies auch nur während der Einarbeitungszeit. Dies sei aber nur ein Bruchteil der 3500 Beschäftigten. Festangestellte und Teilzeitkräfte erhielten Sozialleistungen und verdienten mehr als sechs Euro, heißt es in einer Stellungnahme. Und dann weist Cinestar noch darauf hin, dass das Unternehmen sich gerade an den ostdeutschen Standorten bemüht habe, Arbeitsplätze zu erhalten - in einem allgemein schwierigen wirtschaftlichen Umfeld.

An der Entwicklung sind die Unternehmen nicht unschuldig. Vor allem die großen Betreiber haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv in neue Standorte, neue Techniken und luxuriösere Ausstattungen investiert. Ergebnis: Während die Besucherzahlen seit 20 Jahren stagnieren, ist die Zahl der Kinoleinwände in Deutschland im gleichen Zeitraum um ein Drittel gestiegen. Nun herrscht ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb. Zudem räche sich auch, dass die Konzerne sich im Wettlauf um die besten Standorte auf teilweise "exorbitante Mieten" eingelassen hätten, sagt Gewerkschafter Winzberg. "Die Ketten versuchen daher an anderen Kostenschrauben zu drehen, zum Beispiel beim Personal."

Als ein Opfer dieser Entwicklung sieht sich auch der ehemalige Cinemaxx-Mitarbeiter Matthias L.*. Wir treffen ihn an einem verregneten Wintertag in einem Café in Hannover. Der eigentlich kräftige Mann sitzt mit herunterhängenden Schultern auf der Bank und rührt bedächtig in einer Tasse Früchtetee. "16 Jahre habe ich für das Unternehmen gearbeitet", sagt er mit leiser Stimme, "dann haben sie mich beruflich getötet". Und nach einer Pause erzählt der 40-Jährige, wie er Karriere gemacht habe bei Cinemaxx, es vom Kartenabreißer bis zum Assistenten der Kinoleitung geschafft habe. Alles schien gut zu laufen, "bis mir vor drei Jahren ohne Begründung mitgeteilt wurde, dass ich bei Cinemaxx nicht länger erwünscht bin".

Doch L.* wollte nicht klein beigeben und blieb - bis zum 1. September des vergangenen Jahres: Da warteten zwei Manager und der Anwalt der Cinemaxx AG im Besprechungszimmer auf ihn. Das Beweismaterial lag bereits auf dem Tisch. Es waren Fotos und Protokolle der privaten Detektei Detek, die beweisen sollten, dass L.* fünf Mal unzulässig seine Pausen verlängert habe. Wie sich herausstellte, hatte die Detektei ihn mehrere Monate observiert. So gab es unter anderem einen detaillierten Bericht vom 25. August 2008, dem Tag, an dem L.´s* damalige Freundin nach mehreren Monaten in der Psychiatrie entlassen worden war.

"20.34 Uhr: Herr L.* (. . .) geht mit einer blonden Frau (. . .) zur Stadtbahnstation. Vier Minuten später betritt das Paar das italienische Restaurant ,Piazza Cappucchino`". Das nächste Mal schreibt der Detektiv um 22.20 Uhr: "Beide verlassen das Restaurant". Ein wackeliges Foto zeigt die beiden Händchen haltend. Was in der Zwischenzeit geschah, ist unklar. L.* behauptet, dass er per Telefon gemeldet habe, seine Pause wegen der labilen Situation seiner Freundin verlängern zu müssen. Für die Unternehmensleitung dagegen ist L.´s* Fehlen ein Verstoß gegen die Pausenregelung. Der Vorwurf lautet: Arbeitszeitbetrug. L.* erhielt die fristlose Kündigung.

Mittlerweile hat der Mann vor dem Landesarbeitsgericht Hannover einen Vergleich erstritten, die fristlose Kündigung wurde in eine normale umgewandelt. "Das fühlt sich an wie eine Niederlage", sagt L.*. Für ihn ist eine ganze Welt zusammengebrochen. Doch der Fall L.* sei kein Einzelfall, sagt sein Anwalt, Michael Falke. Er selbst ist nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren in mehr als 60 Gerichtsverfahren gegen die Cinemaxx AG tätig geworden. Mal waren es Betriebsräte, die gegen die Unternehmensführung vor Gericht zogen, mal klagten Angestellte gegen Abmahnungen oder Kündigungen. "Es ist schon komisch, mit welch zweifelhaften Methoden gegen Mitarbeiter vorgegangen wird, die das Unternehmen nicht mehr haben will", sagt Falke.

Auf die offenbar hohe Zahl von Gerichtsverfahren angesprochen, mildert Cinemaxx-Vorstandschef Christian Gisy ab. Es gebe "unternehmensweit eine für die Beschäftigtenanzahl völlig unauffällige Anzahl an Verfahren." Lediglich in Hannover liege die Prozessfolge "etwas höher".

Der Betriebsrat zeichnet ein anderes Bild. Vor allem Mitarbeiter, die schon lange im Unternehmen sind und verhältnismäßig viel verdienen, seien ins Visier des Managements geraten, sagt der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, André Delor. Im Jahr 2004 war Cinemaxx aus der Tarifbindung ausgestiegen, erst 2008 wurde ein neuer Vertrag geschlossen. In den tariflosen vier Jahren habe das Unternehmen neue Mitarbeiter zu deutlich niedrigeren Löhnen eingestellt, mit dem Ergebnis, dass jene, die noch "alte" Verträge hatten, nun verhältnismäßig teuer waren. Der Anteil der Mitarbeiter, für die noch der bis 2004 gültige Tarifvertrag gilt, ist nach Berechnungen des Gesamtbetriebsrates zwischen 2006 und 2009 von 60 Prozent auf 30 Prozent gesunken. Cinemaxx will die Zahlen des Betriebsrates nicht kommentieren. Das Unternehmen verweist darauf, dass es sich in den vergangenen Jahren vor allem von traditionellen Filmtheatern getrennt habe, in denen üblicherweise Mitarbeiter arbeiteten, die schon länger dabei waren.

Indirekt wird die Entwicklung vom Cinemaxx-Gründer und ehemaligen Geschäftsführer Hans-Joachim Flebbe bestätigt. Zwar will er die Vorgänge jetzt, nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen, nicht kommentieren. Nur so viel: "Ich weiß, dass viele meiner einstigen Mitarbeiter heute nicht mehr bei Cinemaxx beschäftigt sind."

Mittlerweile klagen auch Betriebsräte, die durch Widerspruch aufgefallen waren, über erschwerte Arbeitsbedingungen. Sie fühlen sich schlecht von der Geschäftsführung informiert. Wichtige Dokumente über die Lage des Unternehmens erhielten sie oft erst, nachdem sie Anwälte hinzugezogen hätten oder vor Gericht gezogen seien. Beispielsweise in Bremen: In der Hansestadt sind laut dem Betriebsratsvorsitzenden Thomas Adick wegen der mangelhaften Informationspolitik momentan "diverse Gerichtsverfahren" gegen Cinemaxx anhängig. "Betriebsräte erhalten alle Informationen, die ihnen zustehen", heißt es hingegen aus dem Unternehmen. Immerhin: Kurz nachdem Cinemaxx mit den Recherchen für diese Geschichte konfrontiert wurde, hat die Unternehmensleitung dem Gesamtbetriebsrat eine neue Vereinbarung zur Informationspolitik angeboten.

Mit verbesserten Informationen allein ist jedoch einigen Betriebsräten nicht geholfen. Sie wähnen sich auf der Abschuss-Liste. So wie die Betriebsrätin Simone Förster aus Hannover, die aus Angst vor Repressalien ihre wirklichen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Sie musste erfahren, was passieren kann, wenn der Betriebsrat von seinen Rechten Gebrauch machen will. Nach ihrer Darstellung habe das Management in Hannover moderne Digitalprojektoren einführen wollen - ohne den Betriebsrat rechtzeitig darüber zu informieren. Das Problem: Durch die neuen Geräte könnten zahlreiche Filmvorführer ihren Job verlieren.

Der Betriebsrat wollte diesen Punkt im Vorfeld klären - und beantragte vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Neuerung. Das war den Kinomanagern anscheinend zu viel Mitbestimmung. Um ihr Vorhaben durchzusetzen, ergriffen sie Maßnahmen, die Förster als "massive Erpressung" bezeichnet. Vorstandschef Gisy reiste persönlich nach Hannover. In einer Mitarbeiterversammlung habe er damit gedroht, dass der Mietvertrag für das Kino nicht verlängert werde, wenn der Betriebsrat weiter die geplante Digitalisierung blockiere, sagt Förster. Gisy bestreitet das. Er habe lediglich "den aktuellen Status quo" des Standorts dargelegt. Das Kino sei "schnellstmöglich" über die bevorstehende Neuerung informiert worden. Über die Stimmung nach der Versammlung sagt eine Betriebsratskollegin Försters: "Wenn die Mitarbeiter Knüppel gehabt hätten, wären sie auf uns losgegangen". Der Betriebsrat sei als Gefahr für den Standort in Hannover dargestellt worden, so Förster - "dabei ging es uns doch nur um Mitsprache".

Für Simone Förster ist klar, dass es "einen Plan der Geschäftsleitung gibt, massiv gegen störende Betriebsräte vorzugehen." Im nächsten Jahr stehen bundesweit die Neuwahlen der Betriebsräte an. Wer es nicht wieder in das Gremium schafft, bangt um seinen Job. So wie Simone Förster: "Ich bin Kassiererin, da wird es relativ leicht sein, etwas zu finden, das eine Kündigung rechtfertigt."

von Massimo Bognanni und Johannes Pennekamp

Veröffentlichung: 12.12.2009
Medium: Süddeutsche Zeitung

Schlagworte: prekäre Arbeit, Wirtschaft

 
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