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Luxus der Lethargie

Die große Masse der 25-Jährigen verharrt angesichts der Wirtschaftskrise in cooler Gleichgültigkeit. Gedanken über die gelebte Verantwortungslosigkeit im ideologischen Vakuum.

Meine Generation ist die Generation der vergebenen Chancen: Die Welt braucht jetzt unsere Ideen, unsere Alternativen. Doch die Generation der 25-Jährigen ist seltsam unbeteiligt und antriebslos. Jetzt können wir gestalten und Worthülsen von Nachhaltigkeit und Solidarität mit Inhalten füllen: Gewinnbeteiligung statt Ausbeutung, Mitsprache statt Überwachung. Klimaschutz statt Machtpolitik. Es mangelt nicht an Themen und ich habe das Gefühl, dass wir uns ganz schnell auf gemeinsame Inhalte verständigen könnten – wenn wir es denn wollten. Die Proteste in Berlin, London, Straßburg zeigen, dass in einigen von uns, trotz fehlender gemeinsamer Leitideen, etwas in Bewegung geraten ist.

Die große Masse jedoch verharrt in cooler Gleichgültigkeit. Bloß nicht auftauen! Doch warum? Warum geht uns die taumelnde Welt, in der wir leben, nichts an? Wir sind zu bequem: Sich einer Idee oder gar einer Vision anzuschließen, würde angreifbar machen. Und das darf uns auf keinen Fall passieren. Lieber unbeteiligt weitermachen wie bisher. Die dazu passende Attitüde ist der Zynismus, gepaart mit einem großen Schuss Egozentrik. Mit dieser Haltung schaffen wir es problemlos, jeder gesellschaftlichen Verantwortung auszuweichen. Und in dieser Rolle fühlen wir uns wohl.

Wir merken nicht, dass die Krise unsere Chance ist, diese zur Perfektion gebrachte Haltung zu durchbrechen. Heute können wir wieder demonstrieren, ohne dabei als uncool zu gelten. Ohne sofort in Schubladen gesteckt zu werden, können wir über Grundlegendes streiten, das längst als Konsens zementiert schien. Wir, die Studenten und Berufseinsteiger, sind in der luxuriösen Situation, unbefleckt auf die Ursachen der Krise zu blicken und jetzt entscheiden zu können, wie wir es anders machen wollen und welche Werte für uns gelten sollen. Doch der ruinöse Wettlauf der Gier, an dessen Ende das grandiose Scheitern der Ideologie der entfesselten Marktwirtschaft steht, hinterlässt ein merkwürdiges Vakuum. Wir staunen zwar, aber wir fragen nicht nach. Wir schütteln den Kopf, aber suchen nicht nach den Verantwortlichen. Wir sehen die Konsequenzen, aber tun so, als könnten wir weitermachen wie bisher. Die Krise ist für uns eine gut-getimte Torvorlage, direkt in den Lauf des Mittelstürmers. Aber anstatt den Ball im Tor zu versenken, dreht sich meine Generation um und spielt den Ball zurück. Direkt zum Gegner. Wir sind keine Mittelstürmer.

Die Generation der 25-Jährigen hat den Blick für das große Ganze verloren. Zwar sind wir so eng vernetzt wie keine Generation vor uns. Aber schafft das automatisch Nähe oder ein Gefühl für die Gemeinschaft? Nein. Wir halten uns für innovativ, doch verheddern uns in sozialen Netzwerken. Wir lassen uns lieber unterhalten, als für Gesprächsstoff zu sorgen. Darum halten uns Studien vor, wir seien unpolitisch. Das ist nicht ganz korrekt: Wir haben eine neue Form, eine Metaebene des Unpolitischen erreicht.

Uns fehlt jegliche Vorstellung des Politischen. Politik findet für zu viele von uns in einem fremden Universum statt, das mit unserer Lebenswirklichkeit längst keine Schnittstellen mehr besitzt. Sich einzumischen lohnt nicht, entscheiden tun anscheinend andere: Funktionäre, Lobbyisten, Streber. Unsere eigene Identität ist dagegen unbekannt. Es wäre schwer, ein Fahndungsplakat für unsere Generation zu entwerfen: 25 Jahre, gut ausgebildet, orientierungslos umherirrend. Besondere Eigenschaften: keine. Uns zu verhaften ist unmöglich. Fast nie machen wir uns bemerkbar, lautlos passen wir uns perfekt unserer Umgebung an, greifbar sind wir nicht.

Krisen nehmen wir mit lässiger Gleichgültigkeit. Dauerberieselung mit Schreckensmeldungen verhindern wirkliche Betroffenheit. Weil wir uns unangreifbar fühlen, bleiben wir passiv. Warum auch nicht, unser Café an der Ecke steht ja noch. Wir sind die erste Generation, für die Krise nicht gleichbedeutend mit existenzieller Bedrohung ist, denn wir sind keine Kinder des Kalten Krieges. Zwei Irak-Kriege haben wir am Fernsehschirm verfolgt, das Platzen der Dotcom-Blase und den 11. September erlebt, jetzt sogar das Abschmelzen der Pole. Und das alles, ohne dass sich vor unserer Haustür etwas verändert hätte. Wir sind fest in dem Glauben verankert, dass uns Katastrophen, selbst solche von globalem Ausmaß, höchstens ins Wanken bringen, nicht aber umwerfen können. Darum schweigt meine Generation.

von Johannes Pennekamp

Veröffentlichung: 15.04.2009
Medium: Carta

Schlagworte: Gesellschaft

 
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