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Projekt Aufstieg

Schulversager und Integrationsunwillige bestimmen das Migrantenbild. Dabei sind viele Einwandererkinder längst erfolgreiche Unternehmer. NRW ist ihre Hochburg.

Auch das hier ist Teil des Deals, war es von Anfang an: Süleyman Ucar, hellblaues Hemd, Jeans, schlägt die Tür seines dunkelblauen BMW zu, drückt den Verriegelungsknopf am Autoschlüssel, klack, klack, während er mit federnden Schritten auf das alte Zechenhaus zugeht. Eine Treppe hoch, die Schuhe aus, hinein in die kleine Wohnung. "Pabba", sagt Ucar liebevoll, und küsst seinen Vater auf die Wangen.

Süleyman Ucar, 41 Jahre alt, Mitbesitzer einer PR-Agentur, ist an diesem Samstagabend zu Besuch bei seinen Eltern in Waltrop. Fast jedes Wochenende steuert er die Zechensiedlung nördlich von Dortmund an. Waltrop ist der Ort seiner Kindheit. "Wenn ich nicht komme, werden sie nervös", sagt er. Ucar weiß, was er seinen Eltern schuldig ist. Es ist die letzte Rate des Deals.

Süleyman Ucar ist nicht nur ein vorbildlicher Sohn, er ist der Traum eines jeden Integrationspolitikers. Er entwickelt PR-Kampagnen für deutsche Unternehmen wie den Telefonbuchverlag "Das Örtliche", dessen Anzeigen er Schwarz-Rot-Gold einfärbte. Er liebt das Ruhrgebiet, wo "alles so grau ist, dass man nicht weiß, wo die Straße aufhört und der Himmel anfängt". Er schwärmt von Liberalität, Aufstiegsmöglichkeiten, deutscher Disziplin. Und er sagt in fast missionarischem Tonfall: "Das ist doch so ein tolles Land hier."

Eine Ausnahme? Ein "Vorführ-Türke", der die traurige Regel des Migrantenversagens nur bestätigt?

Es gibt Zehntausende wie Ucar, erfolgreiche, integrierte Unternehmer mit ausländischen Wurzeln. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo die Integration von Zuwanderern wie nirgendwo sonst in Deutschland zur Geschichte der Gesellschaft gehört.

Seit mehr als 130 Jahren ist Nordrhein-Westfalen ein Einwanderungsland. Zuerst strömten die Polen in die boomende Bergbauregion, all die Kowalskis, Nowaks und Schimanskis, deren Namen heute noch die Telefonbücher der Ruhrgebietsstädte füllen. Zu Wirtschaftswunder-Zeiten folgten Italiener und Griechen, in den späten sechziger Jahren kamen Türken, danach Jugoslawen hinzu.

Zurzeit hat Nordrhein-Westfalen einen Ausländeranteil von zehn Prozent, mehr als jedes andere Flächenland. 125 000 Selbständige haben eine sogenannte Zuwanderungsgeschichte, sie sind mehr als integriert in diese Gesellschaft, sie bilden ein Teil des ökonomisches Rückgrats. Doch wieso haben sie es so weit geschafft, während andere wie gefangen scheinen in prekären Verhältnissen? Und was erzählen ihre Biografien über den Stand der Integration in Nordrhein-Westfalen?

Der Aufstieg des Süleyman Ucar war ein Familienprojekt. Der Vater kam mit 29 Jahren aus einer Bergbauregion in der Westtürkei nach Waltrop, er war einer der ersten Türken hier. In der Vita seines Sohnes, der als Vierjähriger nach Deutschland nachzog, gibt es keine Modellschulen, keine Sprachkurse und keinen Förderunterricht. Aber es gibt Teutonia Waltrop; da hat Süleyman Fußball gespielt, als einziger Türke in der Mannschaft. Es gibt die Wiese zwischen den winzigen Vorgärten der Zechenhäuser, auf der er mit seinen Freunden kickte. Es gibt die deutschen Nachbarn, die ihn und seine Geschwister aufnahmen, wenn die Eltern unterwegs waren. Es gibt den Boden im Flur der Familienwohnung, wo er oft über seinen Hausaufgaben brütete; ein Kinderzimmer gab es nicht.

Helfen konnte dem jungen Süleyman niemand aus der Familie. Die erste Schule, die sein Vater von innen sah, war die seines Sohnes. Er hatte sich Lesen, Schreiben, Rechnen mühsam selbst beigebracht.

In der Terminologie von Soziologen mangelte es Süleyman Ucar an "kulturellem Kapital". So nennen sie das Wissen, den Bildungsstand und den Status, den Eltern an ihre Kinder weitergeben können. Vater Ucar konnte seinem Sohn kein kulturelles Kapital vermitteln, aber eine klare Vorstellung, wie dieses Defizit zu kompensieren sei. "Ich dachte", erinnert sich der Vater, "wenn Süleyman nicht studiert und so, dann muss er verhungern."

Wenn der Sohn es seinen Mitschülern gleichtun und am Wochenende ein bisschen Geld als Erntehelfer verdienen wollte, steckte ihm der Vater 100 Mark zu und schickte ihn zurück zu den Schulbüchern. "Die Schule, das war das Allerwichtigste", blickt Süleyman Ucar zurück, "jeden Tag hat mein Vater mir das gesagt."

Ulrich Raiser kennt viele Geschichten wie jene der Ucars. Der Soziologe hat ein Buch über erfolgreiche Migranten im deutschen Bildungssystem geschrieben, der Untertitel: "Es gibt sie doch". Sozialer Aufstieg, sagt Raiser, darum gehe es von Anfang an, das sei der Kernantrieb einer jeden Migrationsgeschichte. "Die sind ja hierhergekommen, um ein besseres Leben zu haben", sagt er, "und damit es ihre Kinder weiter schaffen können als sie selbst." Dem Erfolg in der Schule und später im Beruf werde alles andere untergeordnet. "Sparsamkeit bis zur Askese, Fixierung auf Leistung und Geld - die Migranten folgen den Idealen, mit denen einst Calvinisten den Kapitalismus aufgebaut haben", doziert Raiser.

Ein totaler Leistungsethos, wie er in den wenigsten Führungsetagen zu finden sein dürfte. Selbst wenn der Sohn ein "sehr gut" nach Hause brachte, fragte Vater Ucar nur: Hat denn noch jemand eine Eins? Und wenn Süleyman nicht der Beste war, "dann zählte das für meinen Vater nicht", erinnert sich der Sohn. Dann lacht er sofort und etwas übertrieben laut, als müsste er das Bild eines kleinen Jungen unter großem Druck weglachen.

Einen "Kollektivisten" würde der Soziologe Raiser Süleyman Ucar wohl nennen. In diese Kategorie fasst er Aufsteiger, die es um ihrer Eltern willen nach oben schaffen müssen. Es wird von ihnen erwartet, "durch einen Bildungserfolg das Migrationsprojekt erfolgreich zu Ende zu führen", schreibt Raiser in seinem Buch. "Die Kinder sollen also nicht nur die Hoffnungen einlösen, die in das Migrationsprojekt gesetzt wurden, sie sollen ihm auch durch ihren Erfolg Sinn verleihen."

Süleyman Ucar war dieser riesigen Last gewachsen, er wurde ein Einser-Schüler. "Dreien und Vieren, das gab es bei Süleyman nicht", erinnert sich der Vater stolz.

Bei vielen anderen Migrantenkindern geht es nicht so gut aus. "Diese gewaltige Energie kann auch in tiefe Resignation umschlagen", weiß Soziologe Raiser. Denn Deutschland ist kein guter Nährboden für die Aufsteiger-Ambitionen der Zuwanderer.

Eine Auswertung der Pisa-Studie zeigt, dass fast nirgendwo die Schulleistungen von Migranten so weit hinter denen heimischer Schüler zurückbleiben wie in Deutschland. Und was noch mehr Anlass zur Sorge gibt: Die Migranten zweiter Generation, die schon hier geboren sind, holen in ihren Leistungen nicht etwa auf, sondern fallen häufig weiter zurück. "Anders als in den USA oder Kanada schaffen wir es nicht, den Aufstiegswillen der Migranten zu nutzen", klagt Ulrich Raiser.

Umso erstaunlicher sind Zahlen vom Zentrum für Türkeistudien. Demnach hat sich die Menge der türkischstämmigen Unternehmer in den vergangenen 20 Jahren auf 24 000 verdreifacht. Jeder sechste Unternehmer hat einen Einwandererhintergrund. Und dabei handelt es sich längst nicht mehr nur um Döner- und Gemüseläden. Die "ethnic economy" hat den Sprung aus ihren Nischen geschafft.

Güler Balaban zum Beispiel. Die 44-Jährige sitzt in ihrem Büro im Kölner Stadtteil Dellbrück und will eigentlich gar nicht über Integration reden. "Ich hasse dieses Wort!", ruft sie und schüttelt leicht empört ihre langen, blondgefärbten Haare. Ihr ist das alles zu verkopft, sie fühlt sich nicht zuständig. Dabei müsste sie doch Expertin sein. Balaban ist die Chefin von Sonfilm, einer Firma, die mit rund 60 Angestellten gleich drei deutsch-türkische Fernsehprogramme ausstrahlt. Sie muss also schon aus geschäftlichen Gründen wissen, was die Migranten umtreibt.

Nebenan, in einer ehemaligen Lagerhalle, stehen noch die Kulissen der Dreharbeiten zu "Ithal Gelin", auf deutsch: "Importbraut". Eine Comedy-Sitcom über eine deutsch-türkische Familie. Jeden Mittwochabend erzählt die Serie auf Balabans Hauptsender "Türkshow" vom Leben einer Familie zwischen den Kulturen. Nachrichtensendungen hat Türkshow ebenso im Programm, politische und literarische Diskussionsrunden, vor allem aber Musik aus der fernen Heimat.

Die Senderchefin hat nie ein deutsches Interesse an ihrer Integration empfunden. Mit fünf Jahren kam sie nach Köln, ihr Vater arbeitete bei Ford als Schlosser. Schon in der Grundschule hatte Güler Balaban das Gefühl, mehr tun zu müssen als ihre deutschen Mitschüler. Später in der Hauptschule sei ihre Klassenlehrerin "richtig feindselig" gewesen, erinnert sich Balaban. "Die hat mir in Klassenarbeiten richtige Antworten als falsch angestrichen" - und die Eltern glaubten natürlich der Respektsperson, der Lehrerin.

Doch Balaban wollte mehr erreichen als die anderen Türkinnen in ihrer Klasse, die sich vor allem um Klamotten und Jungs kümmerten, "die waren mir zu verspielt", sagt sie. "Ich war schon immer eine Geschäftsfrau."

Während der Weg des Süleyman Ucar hart, aber vorgezeichnet war, musste die ehrgeizige Balaban diesen Weg erst einmal finden. Sie schaffte den Sprung von der Hauptschule auf die Handelsschule.

Wenn Süleyman Ucar nach der Lesart des Soziologen Raiser "Kollektivist" ist, dann ist Balaban "Individualistin". Bei diesen steht von Anfang an die Selbstverwirklichung im Vordergrund. Die Eltern begleiten diese Entwicklung allenfalls wohlwollend. Balabans Vater fand die weiterführende Handelsschule erst überflüssig, aber irgendwann, erinnert sich die heutige Firmenchefin, "hat er mir schon vertraut, dass ich das richtige mache".

Nur als das Türkisch seiner Tochter, die fast ausschließlich deutsche Freunde hatte, immer schlechter wurde, da griff der Vater durch. Er hängte zu Hause ein Plakat auf, auf dem stand geschrieben: "In diesem Haus wird nur türkisch gesprochen." Güler Balaban, die Kölner Unternehmerin, hält sich bis heute daran.

von Lenz Jacobsen

Veröffentlichung: 13.10.2008
Medium: Spiegel Extra

Schlagworte: Integration, NRW, Unternehmen

 
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