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Gegen den Strom

US-Vordenker Jeremy Rifkin beriet Bundesregierung und EU in der Ökopolitik. Jetzt will er Sizilien zur grünen Insel machen – wenn die Mafia mitspielt

Palermo – Wie ein TV-Priester aus den USA geht Jeremy Rifkin vor seinem Publikum auf und ab, scherzt, schwenkt lässig das Mikrofon durch die Luft. Seine Mission: Die Welt retten. Seine Hoffnung: Sizilien. Seinen Zuhörern im Hörsaal der Universität von Palermo predigt der amerikanische Soziologe die dritte industrielle Revolution, eine grüne Revolution. Als Berater in Energiefragen arbeitet Rifkin für die EU und die Bundesregierung. Jetzt also Sizilien.

An diesem März-Tag 2009 präsentiert Rifkin seinen Plan, den er gemeinsam mit Siziliens Regierungspräsident Raffaele Lombardo entwickelt hat. Fünf Milliarden Euro – überwiegend EU-Gelder – sollen in die Förderung erneuerbarer Energien auf Sizilien fließen. Die fünf Millionen Insulaner sollen sich künftig nahezu ausschließlich mit grüner Energie versorgen. Das Ziel scheint möglich: Klimaforscher messen nirgendwo in Europa so viele Sonnenstunden wie auf Sizilien. Außerdem ist die Insel die windreichste Region Italiens. Rifkins frohe Botschaft: „Sizilien kann das Flaggschiff der grünen Revolution werden. Wenn wir es hier schaffen, können wir die ganze Welt retten.“ Worte, die wirken. Nach einem Moment andächtiger Stille bricht tosender Applaus aus.

Viel Lärm um nichts, meinen Kritiker der Regierungspläne. Wann die Gelder fließen, ist ungewiss. Und ob sie tatsächlich für Solarzellen und Windräder ausgegeben werden, scheint ebenfalls fragwürdig. Mit der Operation „Vom Winde verweht“ hat die italienische Finanzpolizei im vergangenen Jahr die Veruntreuung von Subventionsgeldern aufgedeckt – und beschlagnahmte unter anderem sieben Windparks auf Sizilien mit insgesamt 185 Turbinen. Längst warnen Experten vor der „grünen Mafia“.

Von einem gesellschaftlichen Konsens für mehr regenerative Energien scheint Italien ohnehin weit entfernt: Das „Nuovo Conto Energia“, ein wichtiges Einspeisegesetz, das Solarinvestoren sichere Einnahmen für 20 Jahre garantiert, steht derzeit auf der Kippe, auf den Dächern Siziliens sind die Solarzellen so selten wie Regengüsse im August.
Mafia, Korruption, Chaos – wie viele andere hoffnungsvolle Projekte, scheint auch die ökologische Revolution an den verkrusteten Strukturen aus Politik, Wirtschaft und Mafia zu scheitern. Gäbe es nicht auch Menschen wie den Kulturmanager Dario Ferrante, den Existenzgründer Giuseppe Bognanni oder den Energieunternehmer Salvatore Moncada. Menschen, die ihre Zukunft nicht mehr der sizilianischen Vetternwirtschaft überlassen wollen, sondern sie selbst in die Hand nehmen. Sie sind die wahren Revolutionäre, verändern das Bewusstsein der Menschen. Ihr Weg ist mühselig doch sie haben Hoffnung für ihre Insel – und die ist grün.

Dario Ferrante sitzt in einem kleinen Künstler-Café in der Innenstadt Palermos. An den Wänden hängen hunderte Fotografien, vom kleinen Innenhof schallt Stimmengewirr herein. „Willkommen in meinem Büro“, scherzt er. Rifkins Ruf nach Revolution, für Ferrante ist das lediglich ein Milliardenspiel zwischen Politik und Wirtschaft, ein Geschacher um Subventionsgelder. Eine Revolution ohne Volk. „Deutschland hat einen 50-Jahres-Plan für die Umstellung auf erneuerbare Energie. Hier auf Sizilien können die Politiker nicht einmal sagen, was in sechs Monaten sein wird“, sagt Ferrante. Die wahre Revolution, sie müsse von unten kommen, nicht von den Politikern, erklärt er in geschliffenem Englisch. Wie die meisten Sizilianer hat er sein Vertrauen in die Politik verloren.

Eine schwarze Bühne mitten in einer ockergelben Hügellandschaft, drei rotierende Windkrafträder vor blauem Himmel und vier Tänzer, die sich in engen Kostümen rhythmisch hin- und herwiegen – so sieht Dario Ferrantes Kampf für ein grünes Sizilien aus. Der Kulturmanager organisiert das Festival „Energie Alter-Native“ mit Schauspiel, Tanz, Mode und Musik und will so auf die Möglichkeiten grüner Energien aufmerksam machen. Zwischen den Vorstellungen kann das Publikum seine Fragen über erneuerbare Energie an Experten stellen. „Die Menschen wissen viel zu wenig über Solar- und Windkraft und sind skeptisch. Wir wollen das Unwissen überwinden und ein neues Bewusstsein schaffen“, sagt Ferrante.

Acht Jahre lang hatte er Sizilien den Rücken gekehrt. Er studierte in Los Angeles und Schottland, arbeitete in Rom und Neapel. Vor drei Jahren kehrte er in seine Heimatstadt Palermo zurück, im Gepäck hatte er die grüne Hoffnung. „Ich will zeigen, dass man auf Sizilien etwas bewegen kann.“ Für dieses Jahr macht sein von privaten Sponsoren finanziertes Festival in sechs Städten Halt, unter anderem in Rom, Turin, Palermo und Catania. Ferrante rechnet insgesamt mit 12 000 Besuchern. Zu einem einzigen Heimspiel des Fußballclubs USC Palermo kommen drei Mal so viele Menschen. Energiepolitik ist nicht gerade ein Publikumsmagnet.

Davon unbeirrt will Ferrante mit seinen Shows eine ökologische Bewegung in Gang setzen – auch eine Kooperation mit der grünen Partei hält er für möglich. Seine Revolution ist eine von unten, vom Volk. Neidisch ist er schon, wenn Ferrante auf Deutschland blickt. „Es ist verrückt: Hier auf Sizilien haben wir Wind und Sonne im Überfluss – und müssen jeden Menschen einzeln überzeugen. In Deutschland sind die natürlichen Bedingungen schlechter und überall sieht man die Solaranlagen auf den Dächern.“

An die deutschen Verhältnissen will auch Giuseppe Bognanni anknüpfen, er kennt sie allzu gut: Sieben Jahre hat der Ingenieur in Stuttgart gearbeitet. Wie die meisten seiner Kommilitonen der Universität Catania hat er nach dem Studium Sizilien den Rücken gekehrt. Die wirtschaftsschwache Region bietet nur wenige Jobs. Laut dem europäischen Statistikamt Eurostat lag die Arbeitslosigkeit der 15- bis 24-jährigen Sizilianer im Jahr 2008 bei etwa 39 Prozent. Wer einen Job im Norden findet, der verlässt die Insel.

So auch Giuseppe Bognanni. Doch was ihn damals fort trieb, reizt ihn heute. „Das Schlechte ist: Die meisten Menschen auf Sizilien begnügen sich mit ihrem Leben, sie kämpfen nicht für bessere Bedingungen. Das Gute ist: Deshalb bietet die Insel für junge Unternehmer extrem viele Möglichkeiten. Es gibt so viele ungenutzte Potentiale“, sagt er in fließendem Deutsch. Der hoch gewachsene 34-Jährige trägt die Brille rahmenlos, den obersten Hemdknopf geöffnet. Bognanni sieht seine Chance in der Solarenergie. Mit seinem Startup-Unternehmen Queracom plant und installiert er Solaranlagen bei Privatkunden. Zudem kümmert er sich um die Finanzierung und stellt die nötigen Anträge für die staatlichen Subventionen – das ist etwas Neues für die sizilianische Provinz. Erst die Rundum-Betreuung überzeuge seine Kunden, sagt Bognanni.

Sein Absatzmarkt ist seine Heimatstadt Mazzarino, ein kleines Städtchen im Landesinneren, rund zwei Autostunden von der Hauptstadt Palermo entfernt. Als habe die Natur den Ort gleich mit eingeplant, schmiegt sich das 11 000-Seelen-Nest an eine Hügelkette. Steile Gassen führen durch die dicht bebaute Innenstadt, es scheint, als führe jede von ihnen zu einer anderen Kirche. Die Stadt ist umschlossen von Feldern, viele Menschen leben von der Landwirtschaft. Erneuerbare Energien interessieren hier niemanden, Bognanni muss harte Überzeugungsarbeit leisten. „Wenn ich bei Kunden bin, habe ich es erstaunlich oft mit Professoren zu tun – zumindest reden die Menschen so. Die meisten haben natürlich nicht wirklich studiert, aber jeder hält mir erstmal einen Vortrag über die Sinnlosigkeit von Solarenergie“, sagt der Jungunternehmer.

In einer Gegend, in der mehrfach am Tag von Plastikgeschirr gegessen wird, in der die öffentlichen Mülleimer unter den Bergen von Plastikresten untergehen, überzeugt Bognanni kaum jemanden mit ökologischen Argumenten. Neugierig werden die Menschen erst, wenn der Ingenieur die Tabellen aus seiner braunen Ledertasche gräbt und den Taschenrechner zückt. Dank der Subventionen sind die Investitionskosten durch staatliche Gelder gedeckt, oft werfen die Anlagen nach sieben Jahren schon kleine Gewinne ab. Außerdem versorgen sich die Bürger mit eigenem Strom – besonders im Hochsommer, wenn die vielen Klimaanlagen das Stromnetz an seine Belastungsgrenzen bringen und Ausfälle keine Seltenheit sind, ist das eine willkommene Absicherung.

Mit viel Einsatz bringt Bognanni die grüne Energie so auch in entlegene Winkel der Mittelmeerinsel. Nach vier Monaten Arbeit hat er sieben Solaranlagen verkauft. Für ihn ist das ein Erfolg, die Revolution braucht eben ihre Zeit. Der Unternehmer hofft auf Mundpropaganda. „Wenn die Menschen erstmal sehen, dass ihr Nachbar seinen eigenen Strom erzeugt und auch noch Geld verdient, werden auch sie sich für Solarenergie interessieren“, so Bognanni.
Neue Wege geht auch Salvatore Moncada, der „König der Erneuerbaren auf Sizilien“, wie ihn die Tageszeitung La Republicca nennt. Über das soziale Netzwerk Facebook suchte der 44-jährige Chef der „Moncada Energy Group“ junge Landwirte, die zehntausend Quadratmeter Ackerfläche für den Bau von Solaranlagen zur Verfügung stellen. Insgesamt 51 Solaranlagen, die jeweils 20 Jahre lang 200 Kilowattstunden grünen Strom produzieren sollen, will Moncada auf den Feldern bauen. Im Gegenzug für die genutzte Fläche, bietet Moncada die Solaranlagen und deren technische Wartung kostenlos an. Für die Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Unternehmen wird ein eigenes Unternehmen gegründet, das zu 49 Prozent der Moncada Energy Group gehört, die restlichen Anteile liegen in den Händen der Bauern. Anteilig streichen beide Parteien die Gewinne ein, rund 1500 Euro im Monat soll das den Landwirten bringen. Neben einer täglichen Kontrolltour durch die Anlagen und der regelmäßigen Reinigung der Solarzellen, haben sie keine weiteren Verpflichtungen. Das Angebot schlug ein, nach kurzer Zeit waren bereits über 1000 Menschen der entsprechenden Facebook-Gruppe beigetreten.

Nicht erst seit seiner Facebook-Aktion ist Moncada ein Pionier der grünen Energie auf Sizilien. Sein Unternehmen gründete der ehemalige Bauunternehmer bereits 1989. Inzwischen betreibt er Windparks und Solaranlagen, erzeugt Strom aus Biomasse, produziert Turbinen für Windkraftanlagen und Solarzellen. „Ich will Siziliens Wirtschaft verbessern. Deshalb konzentriere ich mich vor allem auf meine Heimat, erst dann kommen die anderen Märkte“, sagt Moncada.

Dass auf der landwirtschaftlich geprägten Mittelmeerinsel auch High-Tech-Produktionen möglich sind, zeigt er unter anderem mit seiner Produktionsstätte für Dünnschicht-Solarzellen in Campofranco. In einem abgeschiedenen Industriegebiet stehen die neuen Hallen, auf deren Dächern bereits Solarzellen für den nötigen Strom sorgen. Im Inneren glänzt der Betonboden, leise rotieren Roboter.
Energisch läuft Werksleiter Angelo Maiorana durch die Hallen, preist die knapp sechs Quadratmeter großen und extrem dünnen Solarzellen an, die sich vor allem für die Installation auf Fabrikhallen oder auf Feldern anbieten – der Ingenieur hat den deutschen Besuch mit einem interessierten Investor verwechselt, der sich an diesem Tag ebenfalls angekündigt hatte. 115 000 Solarpanels sollen hier künftig im Jahr entstehen. Die nahezu komplett automatisierte Produktion wird von 60 Mitarbeitern überwacht, viele kommen von außerhalb. Genau wie Werksleiter Maiorana, der aus Calabrien hier hergezogen ist. Einheimische fanden sich nur wenige für die hoch qualifizierten Jobs.

Aufstrebende Sizilianer wie Vordenker Moncada, Künstler Ferrante und Unternehmer Bognanni haben den Grundstein der ökologischen Bewegung gelegt. Damit aus dem Hoffnungsschimmer tatsächlich die erhoffte grüne Revolution wird, braucht es jetzt vor allem eines: Nachahmer.

von Massimo Bognanni

Veröffentlichung: 05.10.2010
Medium: Süddeutsche Zeitung

Schlagworte: Wirtschaft, Reportage, Erneuerbare Energie, Nachhaltigkeit

 
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